Texte über Jan Polacek

Bratwurst und die Kunst des Meditierens

»Bratwurst«, »Freudenhaus«, »Fickende Hunde« – schrill, laut und respektlos kommen die Arbeiten von Jan Polacek in den 90er Jahren daher. Bunt, banal und plakativ sind die Facetten der Wirklichkeit, die der Künstler uns in seinen Reliefs und Skulpturen vorführt.

Nur mühsam gehalten im Rechteck das überbordende »Fleisch« des Freudenmädchens, pralle Schenkel, schwer hängende Brüste, die steilen Absätze des Stöckelschuhs; aufdringlich rot die vollen Lippen, Fingernägel und Brustwarzen. Wild, ungeordnet, falsch zusammengesetzt wirkt die komprimierte Körperlichkeit, unverblümte Darstellung von Lust und Anmache.

Die schrille Optik der Comics, vulgäre Themen und triviales Vokabular verhalfen Jan Polacek zur Abgrenzung vom akademischen Lehrsatz. Polacek verbindet Tradition und Techniken der Holzbildhauerei mit den befremdlichen Themen einer ordinären Alltäglichkeit. Die Kräfte der Rebellion und der Anarchie werden jedoch kontrolliert und gehalten von einem leidenschaftlichen Willen zur Form. In der vereinfachten, deformierten Gegenständlichkeit der Werke der 90er Jahre spricht sich schon der Wunsch nach der reinen Form aus, der Drang, die Gegenständlichkeit zugunsten einer intensiveren Formaussage zurückzudrängen.

2003 ensteht die Serie von zehn quadratischen Reliefs, »50x50«. Polacek widmet sich der Form des vollkommenen Gleichmaßes. Es grenzt schon an Selbstüberschätzung (nicht umsonst nennt man Menschen, die es wissen wollen, Quadratschädel), der Vollkommenheit des Quadrats, dieser Ausgeburt an Regelhaftigkeit und Gleichförmigkeit Schwingungen abtrotzen zu wollen.

Quadrate suggerieren auf Grund ihrer breiten Basis Stabilität, sie besitzen als archetypische Gestalt eine Affinität zur Erde, was sie als architektonische Einheit brauchbar macht und sich beispielsweise in Grundrissen von Tempeln und Städten niederschlägt.

Polaceks Reliefs variieren auf quadratischer Grundfläche rhythmisch gegliederte eckige Formen. Kleinteilige Kuben schichten sich übereinander, ordnen, gliedern, überschneiden sich, zerlegen das Quadrat in ein bewegtes Gefüge hart aneinanderstoßender Flächen. Tatsächlich verliert die ausgewogene Grundform ihre Statik, die in horizontale, vertikale und diagonale Flächen aufgebrochene Oberfläche pulsiert als hätte ein Atem sie angehaucht.

Polaceks bildnerische Auseinandersetzung mit dem Quadrat erinnert an den Ritus der Zen-Meister, die ein Quadrat abschreiten, um sich zu konzentrieren. Man könnte diese Serie auch als ein meditatives Ausloten einer Form begreifen, die in ihrer Geschlossenheit und ihrem Ebenmaß ein besondere Herausforderung für den Bildner darstellt. Quadrat und Würfel waren bei den Alchimisten »Stein des Weisen«, sie galten als Symbol der Selbstverwirklichung.

Möglicherweise ist die hartnäckige Suche nach dem »Stein des Weisen« als bildhauerische Bestandsaufnahme zu deuten, als Wunsch, sich seiner selbst in und an diesen Widerständen, Kanten und Ecken zu vergewissern.

Im »Wenig« des Vierecks könnte Jan Polacek das »Mehr« gefunden haben. Auf seinem über zehn Jahre andauernden Weg zur Form steckt der Künstler jetzt ein Feld ab, er reduziert, um in der Reduktion die Kraft der Form zu steigern.

Ursula Reinard, Gießen 2004

©2010 Jan Polacek